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Orgasmushemmung (verzögerter oder ausbleibender Orgasmus)
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Definitionen
Ein gesunder Mann erlebt Samenerguss (Ejakulation) und Orgasmus gleichzeitig. Dabei handelt es sich aber um zwei von einander unabhängige Vorgänge, die auch separat gestört sein können. Es gibt daher auch einen Orgasmus ohne Ejakulation und eine Ejakulation ohne Orgasmus. In der Fachliteratur werden diese beiden Begriffe oft nicht auseinander gehalten. In diesem Artikel geht es um den Fall, dass sexuelle Aktivitäten innerhalb einer akzeptablen Zeit weder zu einem Samenerguss noch zu einem Orgasmus führen, und die Partner diesen Zustand als belastend empfinden. Meistens wird der Sex frustriert wegen Erschöpfung oder Schmerzen abgebrochen. Wenn der Orgasmus ständig ganz ausbleibt, dann bezeichnet man das auch als Anorgasmie.
Die Frage ist natürlich, was eine "akzeptable Zeit" zum Erreichen des Höhepunkts ist. Dazu gibt es keine allgemein gültige Festlegung. In der Praxis wird ein Arzt die Diagnose Orgasmushemmung stellen, wenn der Mann innerhalb von 25 bis 30 Minuten nicht zum Orgasmus kommt (Rowland 2010).
Wie bei anderen sexuellen Störungen unterteilt man auch die Orgasmushemmung nach folgenden Kriterien:
- Beginn der Störung: lebenslang (primär) im Gegensatz zu erworben (sekundär)
- Kontext der Störung: situativ im Gegensatz zu generalisiert
Eine situative Orgasmushemmung bedeutet, dass der Mann nur unter bestimmten Umständen (nur bei bestimmten Sexpraktiken oder Stellungen, mit bestimmten Partnerinnen) zum Orgasmus kommt. Häufig kann beispielsweise der Höhepunkt bei der Selbstbefriedung erreicht werden, aber nicht beim Geschlechtsverkehr. Eine generalisierte Orgasmushemmung tritt dagegen bei allen möglichen Begleitumständen auf.
Ursachen
Organische Ursachen
- Nervenschädigungen
- autonome Neuropathie (oft verursacht durch Diabetes oder Alkoholkrankheit)
- Multiple Sklerose
- Operationen im kleinen Becken
- Verletzungen an der Wirbelsäule
- Hormonstörungen
- Testosteronmangel (Hypogonadismus)
- Schilddrüsenunterfunktion (Hypothyreose)
- Nebenwirkung von Medikamenten
- Mittel gegen Depression (SSRI und trizyklische Antidepressiva)
- Mittel gegen Psychosen (Antipsychotika, Neuroleptika)
- Beruhigungsmittel (Sedativa)
- Lithium
- Alphablocker
- Regelmäßiger Drogenkonsum
- Nachlassende Empfindlichkeit des Penis durch lang anhaltende "harte" Selbstbefriedigung
Auch ein altersbedingtes Nachlassen der Sensibilität des Penis kann zu einer deutlichen Verlängerung der Zeit bis zum Orgasmus führen.
Psychische Ursachen
Es gibt eine Reihe von Annahmen, welche psychischen Probleme eine Orgasmushemmung verursachen können. Vermutete Ursachen sind beispielsweise eine streng religiöse und sexualfeindliche Erziehung, Ängste vor Kontrollverlust und eine Hingezogensein zu bestimmten, nicht allgemein akzeptiertem Sexualverhalten. Es gibt viele weitere solcher Vermutungen (Beier 2005, Seite 300-302), aber keine konnte bis jetzt durch aussagekräftige Studien untermauert werden.
Analog zur körperlichen Abstumpfung durch harte Selbstbefriedigung ist natürlich auch eine psychische Abstumpfung durch häufigen Pornokonsum möglich.
Behandlung
Stärkere Stimulation
Als erste Maßnahme bieten sich Versuche an, die Stimulation beim Sex zu erhöhen. Das könnte vorher durch eine entsprechende Einstimmung (gemeinsames Lesen einer erotischen Geschichte, Anschauen von erotischen Bildern, intensives Petting, usw.) oder beim Verkehr selbst (Einsatz von Sexspielzeug; Streicheln an besonders empfindlichen Stellen, wie z.B. Hodensack, Analgegend; dirty talk) geschehen. Das setzt allerdings voraus, dass sich die Partner über ihre sexuellen Wünsche und Bedürfnisse unterhalten können und beide auch bereit sind, neue Wege auszuprobieren.
Wenn auf diesem Weg keine Abhilfe erreicht werden kann, dann ist ein Arztbesuch angesagt. Je nach möglichen Ursachen wird der Arzt eine der folgenden Behandlungsoptionen vorschlagen.
Behandlung von Krankheiten
Liegt eine Krankheit vor, die eine Ursache für die Orgasmushemmung sein kann, dann ist natürlich zunächst die Behandlung dieser Krankheit angesagt. Wird bespielsweise ein Testosteronmangel therapiert, dann kann das auch die Orgasmusfähigkeit verbessern.
Dosisreduzierung oder Austausch von Medikamenten
Wenn regelmäßig Medikamente eingenommen werden, die eine Orgasmushemmung auslösen können, dann kann mit einer Dosisreduzierung oder einem Austausch des Medikaments eventuell Abhilfe geschaffen werden.
Medikamentöse Behandlung der Orgasmushemmung
Es gibt keine zur Behandlung der Orgasmushemmung zugelassenen Medikamente. In der Praxis hat sich allerdings gezeigt, dass einige für andere Krankheiten zugelassene Medikamente auch bei verzögertem oder ausbleibendem Orgasmus helfen können (sog. "off-label-use"). Beispiele dafür sind (Porst 2011, Rowland 2010):
- bei SSRI-verursachter Orgasmushemmung: Amantadin, Midodrin, Bupropion, Buspiron. Hierbei sollte allerdings bedacht werden, ob durch mögliche Nebenwirkungen dieser Medikamente der Schaden nicht größer als der Nutzen ist.
- Yohimbin (täglich 3x5-10 mg, oder bedarfsabhängig 1-2 Stunden vor dem Sex 10-15 mg
- Oxytocin (Syntocinon® Spray, Anwendung: beim Sex in jedes Nasenloch einen Spraystoß)
Psychotherapie
Wenn keine organischen Gründe für die Orgasmushemmung gefunden werden, dann ist eine Psychotherapie bei einem auf dem Gebiet der Sexualstörungen kompetenten Therapeuten notwendig. Der erste Schritt ist die möglichen psychischen Ursachen einzugrenzen. Ein Ansatzpunkt dafür sind die Wahrnehmungen und Gefühle des Mannes beim Sex.
Weitere Informationen zum Thema
Medizinische Fachliteratur
- Beier, Klaus M; Bosinski, Hartmut AG; Loewit, Kurt (2005):
Sexualmedizin. Grundlagen und Praxis.
2., völlig neu bearbeitete und erweiterte Auflage. München; Jena: Urban & Fischer. - Hartmann, U; Herter, A (2001):
Männliche Orgasmushemmungen - ein verkanntes Problem?
Sexualmedizin für den Arzt, Heft 1/2001, Seite 6-13.
Im Internet: Artikel (pdf-Datei, 26 kB). - Porst, Hartmut (2011):
Störungen der Ejakulation und des Orgasmus.
http://www.porst-hamburg.de/.../stoerungen-der-ejakulation.html (zuletzt aufgerufen am 1.9.2011) - Rowland, David; McMahon, Chris G; Abdo, Carmita; Chen, Juza;
Janini, Emmanuele; Waldinger, Marcel D; Ahn, Tai Y (2010):
Disorders of Orgasm and Ejaculation in Men.
The Journal of Sexual Medicine, Volume 7, Issue 4pt2, Pages 1668-1686.
Im Internet: Zusammenfassung - Waldinger, Marcel D F (2009):
Delayed and Premature Ejaculation.
In: Balon, Richard; Segraves, Robert Taylor (Ed.): Clinical Manual of Sexual Disorders.
American Psychiatric Publishing, Inc.
Im Internet: Zusammenfassung.
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